Cantina Transalpina: Sechs Ausstellungen zur Geschichte des Tunnelbaus
Frauen und Männer auf den grossen Tunnelbaustellen der Schweiz 1870–2005

Heilige Barbara und schaffige Frauen

In fast jedem Tunnel befindet sich eine Statue der heiligen Barbara. Die Schutzpatronin der Tunnelbauer wacht über behelmte Mineure und Ingenieure. Doch sie ist nicht die einzige Frau, die den Tunnel bauen hilft. Ohne das Zutun von Wäscherinnen, Köchinnen, Kantinenchefinnen, Sanitäterinnen, Lehrerinnen und anderen mehr wäre der Gotthardbahntunnel kaum fertig gebohrt worden. Und auch heute sind Frauen auf den Baustellen durchaus anwesend.

Beim Bau des Tunnels sind auf den ersten Blick fast ausschliesslich Männer am Werk. Die Vorstellung, dass Frauen im Tunnel Unglück bringen, hat heute noch Geltung. Die Einzige, die im Tunnel willkommen geheissen und zugleich inbrünstig verehrt wird, ist Santa Barbara, die Schutzpatronin der Mineure. Sie wird angerufen zur Bewahrung vor Unheil, zum Schutz vor jähem Tod und als Beistand der Sterbenden. Ihr zu Ehren wird am 4. Dezember der Barbaratag mit einer Messe und anschliessender Feier begangen. Wenn Bergleute zur Schicht fahren, wacht eine gesegnete Barbarastatue beim Stolleneingang.

Neben der Heiligen gibt und gab es aber immer auch Frauen aus Fleisch und Blut, die mit dem Tunnelbau zu tun haben: Die einen verdienen rund um die Baustelle ihren Lebensunterhalt. Den andern ist die Tunnelbaustelle gegenwärtig, weil über Jahre hinweg stets mehrere Tage, Wochen oder Monate ihre Ehepartner oder Söhne abwesend sind. Für die dritten verändert sich der Alltag, da über Monate Tunnelbauer am Rand des Dorfes leben. Sie richten sich in Arbeitersiedlungen ein. Ist der Bau abgeschlossen, ziehen sie wieder weiter.

Auch beim Bau der ersten grossen Alpentransversalen am Gotthard, Simplon und Lötschberg leben und arbeiten Frauen in den Baustellendörfern. Nicht nur deshalb, weil sie als Familienangehörige mit den Mineuren dem Verdienst nachziehen. Die Tunneldörfer, die neben den Baustellen entstehen, ziehen auch viele Frauen an, die ein Auskommen suchen: Kantinen- und Barackenbetriebe, Wäschereien, Flickereiarbeiten, Wirtshäuser, Krankenpflege und Lehrtätigkeit in meist von Ordensfrauen geführten Schulen bieten Arbeit.

Unverheiratete Frauen tragen zum Familieneinkommen bei. Sie ziehen als mobile Arbeitskräfte dem Erwerb nach wie es auch die Tunnelbauer tun. Die Frauen übernehmen die Arbeiten, die ihrem Geschlecht offen stehen. Oft stammen sie aus den gleichen Regionen wie die Mineure – hauptsächlich aus Norditalien. Aber auch aus Gemeinden der umliegenden Kantone ziehen Frauen zu den Baustellen.

In sechs verschiedenen Ausstellungen berichtet Cantina Transalpina vom Zusammenleben und Zusammenprallen von Menschen verschiedenster Herkunft und sesshafter Dorfeinwohner auf den Tunnelbaustellen.

Viele Spuren dieser Zeit sind verschwunden. Die Erinnerung, in welch starkem Masse auch Frauen an der Geschichte des Baus der Alpentransversalen teilhaben, hat sich weitgehend verflüchtigt. Neben den grossen Tunnelbauten zeugen aber heute noch Wohn- und Geschäftsbauten, Nachkommen von Mineursfamilien, die sich niedergelassen haben, veränderte Essensgewohnheiten, Spitäler und Wirtschaften vom pulsierenden Leben an den Tunnelportalen.

Das Ausstellungsprojekt Cantina Transalpina des Vereins Tunnelbau & Gender zeigt die Varianten des Alltags entlang der Baustellen der Neat. Die Ausstellungen in Brig-Glis, Kandersteg, dem Infocentro Pollegio, dem Gotthardmuseum, dem Verkehrhaus Luzern und in Göschenen beleuchten den Sommer über den Einsatz der Frauen beim Tunnelbau gestern und heute mit verschiedenen Schwerpunkten: Die Veränderungen in der Struktur Brigs durch die niedergelassenen Tunnelbauerfamilien; das Fremde und die Fremden in Kandersteg; das Verhältnis von Frauen und Männern auf dem gegenwärtigen Baustellengelände der Alptransit in Pollegio; die mit dem Tunnel verbundenen Emotionen auf dem Gotthardpass; Familiengeschichten im Verkehrhaus Luzern und das Zusammenspiel von Tunnelbau und Dienstleistungen im Alltag Göschenens.


Ein Kulturprojekt des Vereins Tunnelbau & Gender unterstützt durch:
Pro Helvetia / Verkehrshaus der Schweiz / Ernst Göhner Stiftung / Gemeinde Brig-Glis / Kulturrat des Kantons Wallis / Loterie Romande / Gemeinde Göschenen / Korporation Uri / Kanton Uri / 125 Jahre Gotthardbahn Jubiläum / SPI Schmidhalter & Pfammatter Ingenieure AG / Walliser Kantonalbank Visp